Phänomenale Sache

Ursula Fiedler, Jahrgang 1959, lebt in Ganderkesee und trägt zwei Cochlea Implantate (CI). Eingesetzt wurden sie von Professor Dr. Ercole Di Martino, Chefarzt der HNO-Klinik am DIAKO Bremen. Nach den erfolgreichen OPs im Jahr 2014 und 2018 folgte jeweils eine ambulante Reha, die Frau Fiedler bei Dr. Uta Lürßen und Michael Megerle vom CI-Team von KEIBEL Hörgeräte in Sternklinik absolvierte.

Frau Fiedler, Sie sind beidohrig taub. War das immer so?

Ich habe schon immer schlecht gehört.
Dadurch hatte ich Kommunikationsschwierigkeiten und wurde oft gemobbt.

In der Schule saß ich ganz vorn und habe trotzdem nicht alles mitbekommen. Offiziell festgestellt wurde meine Hörschädigung mit 15 Jahren. Man nimmt aber an, dass sie wohl seit meiner Geburt bestand.

2014 haben Sie Ihr erstes Cochlea-Implantat erhalten, 2018 folgte das zweite. Wie kam es dazu?

Ich habe lange Hörgeräte getragen, zuerst auf einer Seite, dann beidseitig. Mein Gehör hat jedoch immer weiter abgebaut und zwar zeitversetzt. Irgendwann war es auf dem zuerst diagnostizierten Ohr weg, sodass ich es gar nicht merkte, wenn das Hörgerät ausfiel. Als ich schon neun Jahre auf einem Ohr taub war und auch das andere immer schlechter wurde, fragte mich mein HNO-Arzt, ob ich schon mal über ein Implantat nachgedacht hätte.

Und hatten Sie?

Ja, das hatte ich. Ich hatte mich auch schon in einer Selbsthilfegruppe informiert. 2012 stellte ich einen Antrag, den die Krankenkasse jedoch ablehnte. Damals hieß es, dass ich auf dem einen Ohr mit 60 Prozent inklusive Hörgerät noch ausreichend Gehör hätte.

Sie haben das CI aber später doch bewilligt bekommen?

2013 habe ich es noch einmal versucht. Damals machte ich eine Tinnitus-Reha in St. Wendel. Dort befindet sich auch ein CI-Stützpunkt und der dortige Professor riet mir einen neuen Antrag zu stellen. Dadurch, dass ich kaum etwas hörte, konnte ich an den Tinnitus-Übungen kaum teilnehmen. Er gab mir Aktennummern von Prozessen mit, in denen CI-Anträge positiv beschieden worden waren. Er meinte, dass die Kassen dazugelernt hätten. So war es dann auch und im Januar 2014 bekam ich ein Schreiben, in dem stand, dass mein Antrag genehmigt und eine Versorgung alternativlos sei. Bei dem zweiten CI vier Jahre später lief das Ganze dann ganz unkompliziert.

Wie ging es weiter?

Ab da ging alles ganz schnell. Bereits vor dem ersten Antrag 2012 hatte ich Voruntersuchungen bei der Medizinischen Hochschule Hannover machen lassen. Mit den Unterlagen bin ich ins DIAKO, habe dort weitere Untersuchungen gemacht und auch gleich meinen OP-Termin bekommen. Bereits drei Tage nach der OP habe ich am CI-Treffen von Professor Di Martino teilgenommen, fünf Tage nach der Operation durfte ich nach Hause.

Wie kam der Kontakt zu KEIBEL Hörgeräte zustande?

Das Team wurde mir empfohlen. Meinen ersten Termin in der Sternklinik hatte ich vor der OP, um mir mein künftiges Gerät auszusuchen. Ich wollte etwas Kleines und Leichtes und habe mich für MED-EL entschieden. Im Juni begann Herr Megerle im DIAKO mit der Erstanpassung. Da setzte er das erste Mal den Prozessor auf und schaltete das Gerät an.

Und wie war das Gefühl?

Die Lautstärke war gut eingestellt und Frau Dr. Lürßen ging mit mir an die Gröpelinger Heerstraße. Auf die Frage ob ich die Autos höre hab ich nur groß geschaut. Ich wusste ja nicht, dass auf der Straße so viele Geräusche sind. Und ja, da waren wohl auch Autos dabei. Ich konnte aber keine einzelnen auseinanderhalten oder eine Richtung bestimmen.

Das hat sich aber geändert?

Ja, inzwischen klingt alles „normal“. Zuerst haben wir die tiefsten Töne rausgenommen, die ich nur spüren, aber nicht hören könnte. Danach ging es ans Hören lernen. Eine phänomenale Sache! Am Anfang klangen alle Stimmen wie Mickey Mouse. Als ich das erste Mal wieder ins Büro kam und die Tastatur anschlug, hörte sie sich an wie ein Banjo. Im Laufe der Zeit haben sich die Stimmen und Töne jedoch normalisiert. In der ambulanten Reha habe ich gelernt, dass man zu jedem Geräusch ein Bild braucht. Da kommt dann das Langzeitgedächtnis ins Spiel. Es erkennt das Bild, hat das passende Geräusch aber anders in Erinnerung und ordnet es richtig zu.

Wo ist Ihnen diese Entwicklung am stärksten aufgefallen?

Bei den Vögeln! Den letzten Kick, mich für ein CI zu entscheiden, war der, dass die Teilnehmer meiner CI-Selbsthilfegruppe davon berichteten, dass sie Vögel hören konnten. Das wollte ich auch. Mit dem neuen CI stand ich dann im Garten und hörte es quaken. Als ich meinen Lebensgefährten fragte, ob er die Frösche auch hört, sagte er mir, dass das Amselgesang sei. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt (lacht). Inzwischen kann ich einzelne Vögel unterscheiden und habe während der Reha auch gelernt, fast identische Laute wie „m“ und „n“ auseinanderzuhalten. Dass man so weit kommen kann, finde ich total faszinierend.

Wie liefen die Reha und das Hören lernen ab?

Nach der Erstanpassung im Juni habe ich den Prozessor durchgehend getragen. Andere machen das nur stundenweise, aber bei mir daheim ist es ruhig und ich konnte nach Feinheiten lauschen. Die erste Zeit habe ich viel herumexperimentiert, war mit Ölkanne und Werkzeug unterwegs, um quietschende Türen ruhigzustellen. Auch war ich ständig mit dem Auto in der Werkstatt, weil es bei jedem Sprung, den mein Gehör machte, anders klang.
In dieser Zeit war ich zweimal die Woche in der Sternklinik. Anfangs musste viel eingestellt werden. Jede Elektrode soll ja in der gleichen Lautstärke ankommen und zu Beginn verschiebt sich viel. Ein Ton kommt schneller voran als der andere und schon muss etwas angepasst werden. Bereits nach sechs Wochen hatte mein CI das schwerhörige Ohr überholt. Irgendwann waren die Unterschiede jedoch so minimal, dass ich nur noch alle drei bis vier Wochen zu KEIBEL musste. Nach einem halben Jahr war ich gut dabei. Insgesamt kann man sagen, dass das es am Anfang steil bergauf geht, das Sprachverstehen schnell da ist und es dann irgendwann nur noch um Feinabstimmungen geht.
Bei der Reha habe ich auch gelernt, mit der Fernbedienung umzugehen. Mit ihr kann ich meine Reichweite verkürzen, zum Beispiel wenn ich in einem Restaurant sitze und die Gespräche an den umliegenden Tischen meine Unterhaltung stören. Ich kann aber auch die Lautstärke verstellen und mehr. Bei Hörspaziergängen habe ich gelernt, wie man mit verschiedenen Hörsituationen umgeht und sie per Fernbedienung austariert.

Wie lange dauerte die ambulante Reha?

Beim ersten CI habe ich 60 Einheiten bewilligt bekommen, beim zweiten 40 Einheiten. Die letzte hatte ich im November 2020. Beide Rehas gingen nahtlos ineinander über, sodass ich seit 2014 durchgehend vom KEIBEL-Team betreut wurde. Der Standort in der Sternklinik war quasi mein zweites Zuhause. Dass ich die Menschen dort jetzt nicht mehr um mich habe, ist schon ein seltsames Gefühl, aber ich kann mich jederzeit an sie wenden, wenn ich Hilfe brauche oder etwas kaputt geht. Den nächsten offiziellen Termin habe ich im November. Dann wollen wir auch einen Antrag für ein Upgrade meines ersten CI stellen, denn da hat sich in den vergangenen Jahren technisch unglaublich viel getan. Selbst mein zweites CI ist dem ersten um Längen voraus.

Inwiefern?

Technisch sind beide CI sehr unterschiedlich. Mein zweites hat zum Beispiel zwei Mikrofone, darunter ein Richtmikrofon. Außerdem hält die Batterie etwas länger. Zusätzlich benutze ich seit Kurzem den Roger Pen, ein Richtmikrofon, das direkt an das CI senden und sich per Bluetooth auch mit dem Smartphone verbinden kann. Damit kann ich Telefonate annehmen und bekomme das Gespräch direkt aufs Ohr. In lauten Umgebungen und im Winter, wenn man dick eingepackt ist, erleichtert er außerdem das Verstehen, indem ich ihn meinem Gesprächspartner wie ein Mikrofon entgegenhalte oder dieser ihn einfach umgehängt bekommt.

Was würden sie jemandem raten, der sich mit dem Gedanken an ein CI trägt?

Gehen Sie in eine Selbsthilfegruppe, auch wenn Sie noch kein CI tragen. Dort können sie ihre Zweifel und Fragen an Menschen richten, die das Ganze schon hinter sich haben und erfahren, was es im Alltag bedeutet CI zu tragen. Es gibt auch keine Altersgrenze für ein CI. Professor Di Martino sagte einmal, dass sich ein CI für jeden lohnt, der gerne ins Konzert geht oder gerne unter Menschen ist und sich unterhalten will. Das Alter spielt keine Rolle, solange die Bereitschaft da ist zu lernen. Ich kann dazu sagen, dass Hören und Verstehen lernen nicht immer einfach ist aber es lohnt sich!